22.09.2015

Wie Jazzmusiker Pop-Songs kunstvoll zerlegen

Dass Jazz echte Kunst ist, bewiesen am Freitagabend Joe Doll und Kollegen bei Sickings Jazzlounge.Foto: Dennemann

Von Dagmar Thiel

22.09.2015, 04:00 Uhr

„Sing Sing! Jazz, Blues, Soul und Latin“: Das war ein treffender Titel für die 21. Jazzlounge am Freitagabend im „Treff10“. Gastgeber Altfrid M. Sicking hatte den Oberhausener Sänger und Pianisten Joe Doll zu Gast.

Bad Bentheim. Der 1963 in Oberhausen geborene Doll moderierte den Abend mit sonorer Stimme, sang und spielte Keyboard. Mit der fantastischen Combo, die sich – wie immer bei Sicking – nur für diesen Abend zusammengeschlossen hatte, erklangen aber längst nicht nur Klassiker: Gehört Bekanntes aus dem Great American Songbook ja zum Standard eines jeden Jazzkonzerts, konzentrierte sich Joe Doll mit seinen Kollegen auf Blues-, Pop- und Rock-Highlights der vergangenen 60 Jahre. Jürgen Knautz (Münster) am Bass und Jan Freund (Ibbenbüren) am Schlagzeug sind eine eingespielte und dem Bentheimer Publikum bereits gut bekannte Rhythmusgruppe. Gastgeber Altfrid M. Sicking (Ochtrup) war am Freitag ausschließlich Vibraphonist und konnte sich ganz auf seine jazzigen, improvisatorischen Ausflüge konzentrieren.

Unerhört jazzig

Bekannte Hits in unerhört jazzigen Variationen live zu hören, machte diesen Abend zu einem besonderen. Die vier Profis unterlegten jedes Stück mit ihrem ganz eigenen Sound. Zum Beispiel gleich zu Beginn bei „Wonderwall“ von Oasis aus dem Jahr 1995. Jazz bietet Raum für Soli, für klingende Ausflüge, in denen Zuhörer sich die bekannten Melodien erst wieder erschließen müssen. So erhielt manches Stück am Freitag einen ganz neuen Charakter. Darüber hinaus ist es einfach toll, bekannte Songs vor allem aus den 80ern und 90ern, zu denen man damals auf Feten und in Discos getanzt hat, von ambitionierten Jazzmusikern kunstvoll zerlegt zu bekommen.

Zu hören waren aber auch Blues-Klassiker wie „Save Your Love For Me“ von Nancy Wilson, deutsche Schlager wie „Bei Dir war es immer so schön“ von Theo Mackeben aus den 1940er-Jahren oder „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ von U2 aus dem Jahr 1987. Dieser Abend bot also Samtiges und Unorthodoxes und zeigte, dass Jazz echte Kunst ist.

Das war besonders eindrucksvoll bei „The Way You Look Tonight“, zum ersten Mal 1936 von Fred Astaire gesungen und seitdem vielfach gecovert. Hier allerdings haben die vier Profi-Musiker nahezu alle Akkorde neu arrangiert, die Melodie war immerhin zumindest teilweise noch erkennbar, originalgetreu ist nur der Text geblieben. Das ist echter Jazz, bei dem man manchmal einige Takte braucht, um sich auf das neue Arrangement einzulassen.

Zwei Stars des Abends

Joe Doll, beim Singen sehr konzentriert, sang Soul in rauem, erdigem Bariton, lieferte aber immer wieder kreative Töne in flirrenden Höhen. Seine Stimme wird zum Instrument, wenn sie einzelne Silben betont, musikalische Motive wiederholt und variiert: Das ist spielfreudiger und kreativer Jazzgesang. Zweiter Star des Abends war Bassist Jürgen Knautz. Ob dunkel gezupft am Kontrabass oder metallisch hart am E-Bass: Mit Verve beseelte der Münsteraner seine Instrumente. Dass auch ein Schlagzeug zauberhaft zart eine Rumba spielen kann, bewies Jan Freund mit Cole Porters Klassiker „I’ve Got You Under My Skin“.

Die Jugendlichen der Konzertinitiative „Alternation“ machten aus dem „Treff10“ wieder einen schummrigen Jazzkeller mit professioneller Beleuchtung, runden Tischen und Bar im Konzertraum. Die etwa 50 Besucher waren jedenfalls nach mehr als zwei Stunden Spielzeit hingerissen. Joe Doll sagte zum Abschluss: „Ich komme gerne wieder.“ Wir sagen: Unbedingt!

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